Lena Karbe über ihren Film: „Seit Februar 2022 steht die Frage im Raum, weshalb es in Russland keinen Widerstand gegen das Regime gibt. Für mich als gebürtige Russin, die Russland 2009 verlassen hat, ist das Schweigen der russischen Gesellschaft angesichts des Angriffskrieges gegen die Ukraine unerträglich.
Die Mehrheit der russischen Gesellschaft arrangiert sich aktuell mit dem System. Viele ziehen sich zurück. Sie erleben eine ,innere Emigration‘ – ein Phänomen, das schon die Sowjetzeit prägte. Mein Film ist ein Werk über die schweigende russische Mehrheit. Doch was bedeutet dieses Schweigen? Mittäterschaft oder – wie viele Russ:innen sagen – „Neutralität“? Drei kritisch denkende Psycholog:innen einer Moskauer Krisenhotline, die in ihrem Beruf eigentlich „neutral“ bleiben sollen, geraten in Konflikt zwischen professioneller Neutralität und ihren eigenen Gefühlen, wenn Anrufe von Regimeanhängern ihre persönlichen Grenzen auf die Probe stellen. Die Lage der Psycholog:innen steht dabei sinnbildlich für die Gesamtsituation – denn auch Neutralität ist eine Wahl. Eine Wahl, die in bestimmten Situationen moralisch nicht vertretbar ist.
,Innere Emigration‘ ist ein umstrittener Begriff, der seine Wurzeln in der Zeit des Nationalsozialismus hat. Er beschreibt die Abspaltung zwischen einem öffentlichen ,Ich‘ , das sich anpasst, und einem inneren Leben, das mit dem Geschehen nicht einverstanden ist. Unklar bleibt jedoch, ob der Begriff tatsächlich stillen Widerstand bezeichnet oder lediglich eine Legitimation für Passivität und damit eine Form von Komplizenschaft darstellt.“
Regie Léna Karbe (Dokumentarfilm)
Drehbuch mit Gregor Koppenburg
Musik Maxence Dussère
DE/FR 2025, 94 Min., russ.OmU, ab 12